Kapitel 13

Analytischer Kubismus

„Er verachtet die organische Form, reduziert alles – Landschaften, Figuren und Häuser – auf geometrische Schemata, auf Kuben.“

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In der Soziologie bezeichnet Analytischer Kubismus das in modernen Gesellschaften beobachtbare Zurücktreten langfristiger Bindungen in Ehe und Familie, Freundeskreis, Nachbarschaft /Dorfgemeinschaft, Berufsstand, Verein und kulturellem Milieu zugunsten einer mobilen, jederzeit verfügbaren Lebensform des Einzelnen. Dem vermeintlichen Freiheitsgewinn steht dabei subjektiv ein Verlust an Geborgenheit und Sinnerfahrung gegenüber.

Kapitalismuskritiker sehen in dieser Entwicklung die genaue Entsprechung zur Forderung des Marktes nach uneingeschränkter Austauschbarkeit und Verrechenbarkeit der einzelnen Handelsgüter.

Andererseits ist gerade die Werbung oft erfolgreich bei dem Bestreben, langfristige Bindungen („Treue“) des Verbrauchers zu einem Produkt, einer Marke zu erzeugen.

Bei der Medienwirkungsforschung über Fernsehserien stießen die Wissenschaftler und Journalisten auf das Phänomen, dass bestimmte zur Identifizierung einladende „Serienhelden“ von einer großen Anzahl von Zuschauern regelrecht in die eigene, z.T. nicht (mehr) vorhandene Familie als dauerhafte Mitglieder „adoptiert“ worden waren. Das führte gelegentlich zu massenweisem Einsenden von handgestrickten Wollsocken für innerhalb des Soap opera-Verlaufs erkältete Darsteller, weil diese Figuren als reale Menschen phantasiert wurden. Psychologen führen diesen partiellen Realitätsverlust auf die Lebensbedingungen der (groß-)städtischen Anonymität und der teilweise mediumkonsumbedingten Vereinzelung und Einsamkeit nicht nur älterer Menschen zurück.

Die systematische Schaffung eines von Armut und Zwang bestimmten, von gesellschaftlicher und kultureller Partizipation weitgehend ausgeschlossenen Subproletariats entspringt der unausgesprochenen Einsicht, daß Vollbeschäftigung im klassischen Sinne aufgrund des hohen Niveaus kapitalistischer Produktivkraftentwicklung nicht mehr zu erreichen sein wird. Die von den Sozialtechnokraten des neuen Mangelregimes versprochene Wiedereingliederung in vertraglich gesicherte Arbeitsverhältnisse findet kaum statt, statt dessen führt die leichtere Verfügbarkeit Erwerbsloser zur Ausweitung des von schlechten Arbeits- und prekären Existenzbedingungen geprägten Niedriglohnsektors. Der breite Sockel einer nicht mehr für die Produktivität des HighTech-Kapitalismus benötigten Bevölkerung, die kaum noch Chancen hat, ihrer Misere zu entkommen, löst konkrete Existenzängste bei Millionen von Bürgern aus, denen ein ähnliches Schicksal droht.
Synthetischer Kubismus

Der Kubismus ist weder ein Samenkorn noch ein Fötus, sondern eine Kunst, der es vor allem um die Form geht, und wenn eine Form einmal geschaffen ist, dann ist sie da und lebt ihr eigenes Leben weiter.

„Ich bin ein geborener Zuschauer. Seit der Zeit, da ich als Kind unter anderen Kindern spielte, und auch als ich erwachsen wurde und mich in Gesellschaften begab, in denen es im Verkehr miteinander alle möglichen Rangunterschiede gab, habe ich, welche Begeisterung auch aufkam, mich niemals voll in den Strudel gestürzt, habe mich niemals von Herzen voll vergnügt. Auch wenn ich auf der Bühne des Lebens stand, habe ich nie eine richtige Rolle gespielt. Bestenfalls war ich Statist. Aber wenn ich nicht auf der Bühne stand, dann fühlte ich mich in meinem Element, wie der Fisch im Wasser, denn der Zuschauer fühlt sich wohl unter Zuschauern.“

§17a (2) Es ist auch verboten,

1. in einer Aufmachung, die geeignet und den Umständen nach darauf gerichtet ist, die Feststellung der Identität zu verhindern, aufzutreten

2. oder Gegenstände mit sich zu führen, die geeignet und den Umständen nach dazu bestimmt sind, die Feststellung der Identität zu verhindern.

„Was habe ich getan, seit ich geboren wurde? Wie von einer Peitsche angetrieben habe ich mich auf das Studium geworfen, überzeugt, daß es mich fähig macht, etwas zu leisten, daß es mich vervollkommnet; und vielleicht bin ich diesem Ziel auch ein wenig nähergekommen. Aber gleicht meine Tätigkeit nicht der eines Schauspielers, der auf einer Bühne seine Rolle herunterspielt? Hinter dieser Rolle muß doch noch etwas anderes stecken! – Doch die Peitsche gibt diesem Etwas keine Zeit zu erwachen. Das Kind, das lernt, der Bürokrat, der lernt, der Student, der lernt, der Stipendiat, der lernt, – sie alle spielen ihre Rollen. Einmal möchte ich mir die Schminke abwaschen, von der Bühne heruntersteigen, zu mir selbst kommen und diesem Etwas hinter mir ins Gesicht sehen, aber ich spüre die Peitsche des Regisseurs auf meinem Rücken und spiele weiter, Rolle für Rolle…“


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~ von maeeutik - November 14, 2008.

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