Kapitel 9

(30.12.1994)

Und sieh! und sieh! an weißer Wand, / da kam’s hervor wie Menschenhand. // Und schrieb und schrieb an weißer Wand / Buchstaben von Feuer und schrieb und schwand.

Meine drei Freundinnen und ich freuten uns schon seit Wochen auf die WG-Party unserer Freundin Katrin, die vor kurzem nach Karlsruhe gezogen war. Als wir in Karlsruhe ankamen, war die Party schon in vollem Gange und die Wohnung platzte aus allen Nähten. Auf der Party versammelte sich ein buntes Völkchen aus neuen Uni-Bekanntschaften und alten Freunden der Bewohner und so fühlten auch wir vier uns gleich wohl.

„Hatten grade Herbst-Ferien, ich war Zivi und meine Alten waren zum ersten Mal in meinem Leben weg und ich hatte die Bude mal für mich alleine, was meine erste, beste und fetteste Party mit vielleicht 80, 90 Leuten hatte – dabei eine Holländerin, die ich im amerikanischen Hippie-Chat kennengelernt und spontant zu meiner Party eingeladen hatte. War ziemlich peinlich ficken zu wollen und nich zu wissen wie, hehe. N Tag später war ne gute Freundin da, die auch aus diesem Freundeskreis meiner Ex und ihrer Schwester stammte (die hab ich alle kennengelernt, weil ich mal in die Schwester meiner Ex verknallt war) und diese Freundin verquarzte gerne und Oft viel Zeuch und wir haben uns in meiner Bude einen reingepfiffen und irgendwann fragte sie mich so „Sag mal Andi, bist du auch plötzlich so geil?“ und irgendwie war ich geil und das war das erste Mal, dass ich Sex hatte – danach funktionierte das auch dann bei meiner Ex. Lustig war, dass wir irgendwann mal Sex haben wollten, aber keine Kondome mehr hatten und nachts um eins n halben Kilometer zum nächsten Kippenautomat gelatscht sind, wo immer nur die Kohle beim reinwerfen durchfiel und erst n paar Zivilbullen anhielten und uns fragten, was wir da eigentlich machen (Kippen holen natürlich) und uns unsere Kohle aus dem Automat wiedergegeben haben und dann weggefahren sind und als wir grade die Kohle wieder in den Automaten reinstecken wollten, hielt mit quietschenden Reifen ne Grünweisse Karre neben uns hielt und ne Polizistin raussprang – ich hab nur noch gesagt „Oh bitte, Ihre Kollegen waren doch grade schon da…“

Die wunderbarste Gelegenheit kam als sich im Laufe der Party einzelne Gesprächsrunden auf das Treppenhaus verlagerten. So landete auch Sven dort und hatte es sich, als ich ihn entdeckte, auf einer Treppenstufe gemütlich gemacht. Ich mischte mich unauffällig in die Runde ein und setzte mich dreist auf die Stufe direkt unter Sven, so dass ich zwischen seinen Beinen saß und legte, wie selbstverständlich, meine Hand auf sein Bein. Er schien kein bisschen überrascht und unterbrach nicht mal seinen Redefluss.

Währendessen hockte ich mit Lena vor dem Fernseher im Schlafzimmer und wir guckten 0137 Night Talk:

[tv]

Das ganze Studo ist ziemlich schlicht gehalten: Bettina Rust sitzt an einem Schreibtisch, vor ihr ein Telefon und ein Bildschirm für Anruferliste und Textnachrichten. Im Hintergrund kann man die Skyline von hamburg sehen. Der Nachthimmel ist wolkenverhangen und düster. Das Licht der wenigen Sterne überlagert sich mit dem Studiolicht, so dass ein schaler Abglanz des Draussen von Bettinas Augen und der Linse der Kamera zurückgeworfen wird.

< Bettina > „Unser Nächster Anrufer heißt Thomas Mann, 17 Jahre alt, aus Neukölln. Thomas, was möchtest du zu diesem Gespräch beitragen?“

< Thomas > „Wäre dieser Krieg zu Ende! Wären die grauenhaften Menschen erst beseitigt, die Deutschland hierhin gebracht haben, und könnte man anfangen, an einen Neubeginn des Lebens, an ein Forträumen der Trümmer, der inneren und äußeren, an den allmählichen Wiederaufbau, an eine verständige Aussöhnung mit den anderen Völkern und ein würdiges Zusammenleben mit ihnen zu denken! – Ist es das, was Ihr wünscht? Spreche ich damit Eure Sehnsucht aus? Ich glaube es. Ihr seid des Todes, der Zerstörung, des Chaos übersatt, wie sehr Euer Heimlichstes zeitweise danach verlangt haben möge. Ihr wollt Ordnung und Leben, eine neue Lebensordnung, wie düster und schwer sie sich für Jahre auch anlassen wird.“

Das Bild auf dem Schirm wird unklar. Rauschen. Testbild. Fiepen. Überlagerung. Tierfilm. Nachrichten. Hardcore-Porno. Donald Duck. Schwarz. Blut spritzt. Obama ist Präsident von Amerika.

In der Laufzeile am unteren Bildschirmrand rekurriert:

[_____manû šiqlu parsu___________________________]

[______________________manû šiqlu parsu__________]

[_____________manû šiqlu parsu___________________]

[/tv]

Plötzlich, gerade als wir begannen über das Knutschen hinauszugehen, wurde die Fahrertür von außen aufgerissen und meine Freundin Lena stand mit Svens bestem Freund Andi davor. Aufgeregt mit den Armen fuchtelnd plapperte Lena irgendetwas davon, dass sie und die Mädels sich um mich sorgen würden, da sie nicht wüssten, wo ich sei. Daraufhin musste ich mich schweren Herzens kurz auf der Party blicken lassen und ging mit. Sven blieb im Auto und wartete darauf, dass ich zurück kam.

Nachdem ich die Mädels beruhigt hatte, wollte ich wieder zu ihm. Allerdings war mein Orientierungssinn aufgrund des Alkoholeinflusses nicht mehr der beste, so verlief ich mich erst im Haus, fand dann zwar zum Parkplatz, aber im Dunkeln leider nicht mehr den schwarzen Mercedes.
So endete unser Abenteuer damit, dass er im Auto schlief und ich mit schlechtem Gewissen auf der Party weiterfeierte bis alle, inklusive mir, in Schlafsäcken verschwanden…

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~ von maeeutik - November 10, 2008.

Eine Antwort to “Kapitel 9”

  1. Great article, made for a good read, thankyou ❤
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